Day 5-13 / Schnee und Hochwasser

Ihr Lieben,

zunächst einmal vielen Dank für Eure lieben Kommentare, Mails, whatsApps etc.

(English text here)


Ich freue mich sehr, dass ihr mich virtuell begleitet und genauso Verständnis habt, dass ich mich nicht immer direkt melde :) Meinen Blog möchte ich übrigens einmal die Woche schreiben - so wie es eben passt. Dafür habt ihr dann ordentlich Text - also nehmt Euch einen Tee oder Kaffee und viel Spaß beim lesen und Fotos schauen! Und so nehme ich mir heute die Zeit um die letzten Tage mit Euch Revue passieren zu lassen. Es ist wieder viel passiert. Mein Reisetagebuch, dass ich täglich schreibe (übrigens noch ganz klassisch mit Stift und Papier ;-)) hat sich um einige Seiten gefüllt, genauso wie mein Erfahrungsschatz. Um mal vorweg zu nehmen - was waren die Learnings der letzten Tage?


  1. Regen eignet sich super um Wasserfälle zu erkunden, denn nass wirst du sowieso.

  2. Südtiroler erklären dir immer einen Weg, fraglich nur ob du am Ziel wirklich ankommst.

  3. Auch bei 2 Grad holt man sich schnell einen Sonnebrand.

  4. Punkt 3 sollte ich eigentlich schon längst aus eigener Erfahrung wissen. Tut genau so weh wie beim letzten Mal, das kann ich jetzt sagen!

  5. Influencer sind lustige Menschen, außer man lässt sie auf der Insel zurück, weil sie die Abfahrt der Fähre verpassen, das finden sie nicht lustig! Hoffe sie haben trotzdem ein schönes Foto bekommen!

  6. Tanken in Österreich ist so viel günstiger als in Südtirol - gut, wenn man an der Grenze sein Apartment hat (Line I feel you).

  7. Springt die Ampel von Rot auf Gelb fahre sofort los in Italien - gelb ist das neue grün, ansonsten wirds laut!

  8. Ich dachte ich hätte neue Vulkankrater in Mailand entdeckt - waren doch nur Schlaglöcher!

  9. Wieso hatte ich nochmal Lippenstift und Lipgloss eingepackt? Masken 24/7 - safety first!

Alles in allem: es bleibt ein Abenteuer!


Wie im letzten Blog angekündigt haben sich meine Pläne geändert und ein Tag vor Abreise in die Schweiz musste ich die Pläne anpassen, denn ich durfte nicht mehr einreisen. Also habe ich meine ehemaligen Kollegen und Chef in Graz kontaktiert, die schon auf meine Info warteten, wann ich sie besuchen komme. "Ihr Lieben, kommt nun doch etwas überstürzt, aber seid ihr morgen da? " - stürmische Spontanität wurde belohnt und Team Adlmann freute sich auf meinen Besuch.

Sonntags genoss ich also noch den letzten Tag bei Nora in Salzburg bevor es in die Steiermark ging. Der Sonntag zeigte sich mehr als verregnet und die Airbnb Hosts waren sichtlich verwundert als ich beschloss mich in den Regen zu stürzen. Aber ich dachte mir, das Wetter eignet sich perfekt für den Gollinger Wasserfall, denn Nass wird man sowieso. Und so war es - definitiv nass, aber so hatte ich auch den Wasserfall für mich alleine und konnte mit meiner Kamera tolle Aufnahmen einfangen und die Natur genießen. Und das schönste danach - ein heißer Tee, Zeit zum lesen und schreiben und Fotos bearbeiten! Vor lauter Reisen und neue Orte entdecken kam das nämlich die Tage zu kurz: Nichts tun!

Reisen kann nur so schön sein wie man sich auch die Zeit nimmt um all die Eindrücke sacken zu lassen.


Bevor es in die Steiermark ging hatte ich noch ein tolles Frühstücksgespräch mit Nora vom Airbnb - danke nochmals Nora für die schönen Tage bei Euch und dass du mir von deiner spannenden dreijährigen Weltreise berichtet hast und all den Erkenntnissen, die du mitgenommen hast. Ich werde bestimmt wieder einmal bei Euch vorbei schauen!


Noch 400 m bis zum Ziel - sagte das Navi, dessen Stimme ich binnen der letzten zwei Wochen öfter gehört habe als jede andere meiner Herzmenschen - beängstigend. Ein komisches Gefühl machte sich breit, es ist fast zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal in die Hofeinfahrt in Deutschfeistritz einbog. Zwei Jahre, als wir Weihnachtsfeier hatten und ich ein letztes Mal mit dem Team unterwegs war, bevor ich bei Heidelberg zu arbeiten begann. Ich denke gerne an die Kollegen, mit denen ich bis heute (nun wollte ich schon heuer schreiben - da kommt doch gleich der österreichische Wortlaut durch) Kontakt habe, an die zahlreichen Konzerte, Tourneen, an all unsere Künstler und die Erfahrungen, die ich sammeln durfte. Und auch wenn es sich im ersten Moment fremd anfühlte die Stufen zum Büro hoch zu gehen, auch wenn sich ein Teil des Teams, einige Möbel und vieles verändert hat, wurde ich doch wieder aufgenommen wie damals. Die gleichen Sprüche, die gleiche Schmäh, die gleichen Themen und ich auf einmal mittendrin.


Ein besonderer Dank gilt meinem ehemaligen Chef Sepp Adlmann - es war ein so schöner Abend mit deiner Familie. Sein Sohn Phillip freute sich besonders auf das Wiedersehen, spielte ein kleines aber feines Posaune Konzert und malte mir ein tolles Bild, dass ich nun auf Reisen mitnehme. "Danke, dass du da bist", flüsterte er mir ins Ohr und erklärte mir dann die Welt mit seinen Kinderaugen. Es ist so schön zu wissen, dass es Euch gibt und ich immer bei Euch willkommen bin. Damals sagtest du Sepp "Ich lasse dich mehr als ungern ziehen als Mitarbeiterin, aber weiß dich zu unterstützen und die Freundschaft wird bleiben". Wie Recht du hattest. "Egal wo du fest steckst in Europa, melde dich, ich helfe wo ich kann" - Danke Sepp, es ist wunderbar zu wissen und ich freue mich wenn ihr mich nächstes Jahr besuchen kommt und ich Phillip wie versprochen meine Heimat zeige!


Dann ging es nach Südtirol. Bestes Wetter hieß es. Toll, Sommer, Sonne, Sonnenschein - dachte ich. Falsch gedacht. Da musste ich doch selbst laut lachen, als die Temperaturanzeige gegen Null ging und mich auf einmal schneebedeckte Hügel willkommen hießen. Nunja, Winterjacke hatte ich ja zum Glück eingepackt (ganz weit unten für den Fall ich bräuchte sie im November). Aber ich habe ja gelernt Anpassungsfähigkeit siegt! Also raus mit den Handschuhen, Winterjacke und rein in den Schnee. Ich habe vier wunderbare Tage in Südtirol verbracht - und würde sie gegen keinen Grad mehr auf der Temperaturanzeige tauschen wollen. Die einsamen Bergkapellen, die bunten Farben des Herbstes, die mystische Stimmung mit Nebelschwarten, Spiegelungen in den Bergseen und das leckere Essen. Mama, Papa - Eure Angst ich könnte mich in Italien nur noch von Pasta ernähren wird leider wahr - aber ich werde es überleben, glücklich und satt!

Meine Unterkunft habe ich hier übrigens auch einen Tag verlängert, da es mir so gut gefallen hat! Alles weitere seht ihr auf den Fotos.


Dann sollte endlich mein Traum wahr werden: Venedig. Schon lange wollte ich diese faszinierende Stadt besuchen. Voller Vorfreude startete ich in die Stadt der Liebe, Sehnsucht, Künstler und hm hatte ich was vergessen, ach ja: Hochwasser! Hochwasser? Nunja es kam mal wieder anders als erwartet ;-) Just als ich das Appartment gebucht hatte kam im Radio die Info, dass Venedig aktuell wieder unter Wasser steht. Also auch da musste ich nur noch lachen und dachte mir - na dann schauen wir mal, wie weit ich komme. Mein lieber Fotografenkollege Stefan hatte mich dann informiert, dass die Venezianer an die Flut gewöhnt sind und das alles kein Problem ist mit Gummistiefeln. Okay, Winterschuhe hatte ich noch eingepackt, aber sorry - Gummistiefel hatte ich nun wirklich nicht auf dem Radar. "Ach da gibt es Einweggummistiefel, die kannst du gut ein paar Tage über deine normalen Schuhe ziehen", sagte Stefan. Spannend - was man doch alles beim Reisen lernt. In Venedig hatte ich ein Zimmer bei Olga angemietet und wurde herzlich empfangen. Nur 10 Minuten Busweg entfernt lag das Zentrum von Venedig. Perfekt um einige Tage das Auto sicher stehen zu lassen (ja, ihr habt mir alle oft genug gesagt, dass ich auf mein Auto achten muss und kein Gepäck im Auto lassen sollte) und die Stadt zu Fuß zu erkunden.

Direkt nach Ankunft packte ich meine Sachen und fuhr in die Stadt. WOW. Ich glaube die erste Stunde habe ich ganze 50 Meter zurück gelegt da ich alle paar Sekunden anhielt und das Treiben der Boote und Stadt beobachtete. Das glitzernde Wasser, der blaue Himmel die bunten Häuser und die Gondolettas haben es geschafft: ich war sprachlos. Danke Venedig!


Normalerweise habe ich immer eine gute Orientierung in Städten, "was sagt unsere living map - wo geht es lang?" sagten die Mädels einmal im Urlaub - die "living map" sagte in Venedig: Error. Hier habe auch ich die Orientierung verloren, oder vielmehr von Beginn an gar nicht versucht den Weg im Gedächtnis zu behalten. Ich hatte auch kein Ziel, ich bin einfach los, durch so viele Gassen, über so viele Brücken, an so vielen Plätzen und habe Venedig auf mich wirken lassen. Übrigens, für Familien mit Kinderwagen ist Venedig eher nicht ratsam, wie viele fluchende Väter ich erlebt habe (Jens, da du dich ja beschwert hast, dass du beim letzten Blog nicht erwähnt wurdest: hier habe ich an dich gedacht, wie du Jonas durch ganz Venedig tragen kannst ;-) )


Das Hochwasser suchte ich übrigens Freitagnachmittag vergeblich. "Hm, schade um die Gummistiefel, die hätte ich ja gerne gesehen" dachte ich, ohne zu wissen, dass ich diese Samstags dringend benötigte! Denn die Flut besucht Venedig immer ein paar Stunden am Vormittag, je nach Stand des Mondes (Lorena, da haben wir doch was gelernt in Büsum;-)) Und so hatte ich Samstags und Sonntag die Gelegenheit das besondere Spektakel zu beobachten. Die Läden und Häuser sind alle für das "gängige Hochwasser" gut vorbereitet, lassen ihre Schutztür herunter, stapeln ein paar Säcke, die schon seitlich der Mauern lagern und aussehen als gehörten sie zum Inventar des Gebäudes. Und dann geht das Leben weiter, die Venezianer waten durch das Wasser, der Pianist auf dem Markusplatz spielt weiter sein Stück und die Kinder und Touristen können das Glück von diesem Schauspiel kaum greifen. Amüsiert lauschte ich einem Gespäch am Nachbartisch eines Cafes, das mich sehr an meine Großmama erinnerte: "Also wenn die doch wissen, dass das Wasser kommt, wieso legen sie so lange Tischdecken auf die Tische. Die sehen einerseits billig aus, andererseits ist das wirklich sehr unpraktisch mit steigendem Pegel".

Ach Großmama, da würdest du doch jetzt direkt zustimmen oder? :)


Das schönste Bild für mich waren die Kinder, die voller Neugier und Freude mit den Einweggummistiefeln im Wasser tobten. "Die schützen davor, dass man nicht nass wird", haben die Verkäufer gesagt. Nunja, seht die Bilder selbst an - ich denke die Füße waren das einzige, was zuletzt noch trocken geblieben ist bei der Rasselbande. Ich liebe die Fotos voller Leichtigkeit und hatte selbst so viel Spaß dabei! Ich habe mir natürlich auch ein schickes orangenes Paar gegönnt - 5 Euro - wenig Geld für trockene Füße, die ich so sehr schätze. Es kostete erst Überwindung, aber es zeigte sich, der Überzug hielt. Zumindest an Tag 1! Jap, Tag Zwei war nach einer halben Stunde dann nass, ungefähr so nass wie nach dem Besuch beim Gollinger Wasserfall. Aber hey, das war es wert und auch wenn ich immer sage - was ich absolut nicht ausstehen kann: Blauschimmelkäse, nasse Socken und Spinnen - so schlimm war es dann doch nicht. Also streichen wir die nassen Socken von meiner "was ich hasse Liste" und ergänzen sie um etwas anderes, was ich mir noch gut überlegen werde :-)


Venedig war übrigens wirklich sehr leer, natürlich immer noch einige Menschen an Orten wie dem Markusplatz, aber wenn ich mir Fotos von vergangenen Jahren anschaue, dann war Venedig nun wohl fast ausgestorben. Bei einer Tour durch Venedig habe ich mit dem Guide gesprochen, der erzählte "Laura, das ist eine gute Frage - welches Venedig ich mehr mag, persönlich das ruhige jetzige Venedig, aber beruflich gesehen doch lieber das überfüllte. Wir haben alle Angst um unsere Jobs". Apropos Angst um Jobs, da wären auch die zahlreichen Influencer, die den Charme des leeren Venedigs ebenfalls zu schätzen wissen und um ihre Follower kämpfen. Vor lauter Inszenierung verpasste ein Influencerpärchen, das schon während der Fährtfahrt auf die Nachbarinsel Burano die Passagiere bestens unterhielt, die Abfahrt des Schiffes. Was blieb war das Winken der Passagiere - und hoffentlich ein paar tolle Fotos!


In Venedig hatte ich viel Zeit zum nachdenken, da blieben auch Zweifel nicht aus. Die Situation wird auch in Italien angespannter und immer mehr Nachrichten erreichen mich, ob ich sicher bin, ob ich weiter reisen möchte. Ich habe mich noch nie in Zeiten von Corona so sicher gefühlt wie hier. Ich trage wie alle Italiener 24/7 eine Maske und mittlerweile stört es mich auch kaum noch. Die Geschenke zum Abschied von Desinfektionsmitteln waren eine super Idee, auch wenn in jedem Geschäft Desinfektionsmittel stehen, ist es für mich mittlerweile selbstverständlich immer wieder die Hände zu desinfizieren. Ich reise fast ausschließlich mit dem Auto, bin in Appartments oder Hotels und kaum in Kontakt mit Menschen. Selbst in Venedig war es gut möglich Abstand zu halten. Und ich fühle mich wohl. Und deshalb setze ich die Reise fort. Danke für Eure Worte Line, Lorena und Belinda <3


Und die wohl wichtigste Erkenntnis: eigentlich wollte ich diese Reise mit einem Menschen in der Vergangenheit gerne machen, der mir sehr viel bedeutet hat. Zeiten ändern sich, Beziehungen auch - und trotzdem habe ich die Reise mit einem besonderen Menschen verbracht. Me, myself and I: Es ist wichtig, dass wir uns schätzen und uns mit genauso viel Respekt und Wertschätzung begegnen, wie den Menschen, die wir lieben.


Nun schreibe ich Euch gerade aus Mailand. Heute habe ich meine Kollegen von Heidelberg, die ich bisher nur virtuell kannte persönlich besucht. Es war für mich super spannend, denn bisher kenne ich nur unseren Hauptsitz in Wiesloch. Meine lieben Kollegen dort hatten heute den Start der Innovation Week und ich erhielt einige Nachrichten die letzten Tage und hoffe ihr habt alles gut geschafft und der Stress beruhigt sich nun etwas. Die meiste Zeit schalte ich gut ab, aber heute waren meine Gedanken oft bei Euch! Das Mittagessen und die Führung mit Rinaldo und Agnese waren spannend und ich habe wieder einmal mehr gemerkt: virtuelle Kommunikation ist nützlich, keine Frage. Aber persönlicher Austausch doch so viel mehr Wert! Ich bin dankbar den Stopp gemacht zu haben und genieße nun den Abend im Hotel.


Morgen geht es weiter nach Bologna - ich bin gespannt, aber weiß, es kommt sicher wieder anders als geplant. Und das ist gut so!


Sonnige Grüße an Euch,


Eure Laura








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