Day 65 - 72 / Der Zauber von Abenteuer

Hallo ihr Lieben,

da melde ich mich wieder - noch immer von La Isla bonita. Und hier werde ich auch bleiben - so lange wie möglich :-) English Text here


Die News zuerst: ich steige Samstag nicht wie geplant ins Flugzeug! Mein Flug verfällt - ich habe nochmal verlängert, bis mindestens 23. Dezember. Und ich weiß ihr alle versteht es - und ich danke meinen Mädels (insbesondere Lorena, Line, Kristina und Maria), Barbara und Ove und meiner Familie so sehr, die mich dabei unterstützen.


Die Vorstellung dieses Paradies hinter mir zu lassen und in den harten Lockdown zu fliegen dürfte als Erklärung reichen. Hier genieße ich täglich die Sonne, die Wärme und das "süße Leben" wie es Lara so schön formulierte. Und es geht mir einfach so unfassbar gut, deshalb möchte ich noch jeden Tag auskosten - denn ich weiß es gibt ein Ende, aber noch habe ich ein paar Tage! Und ich vermisse Euch - aber ich weiß die paar Tage gönnt ihr mir und halten wir nun noch aus, wer weiß wann wir uns überhaupt wirklich sehen können.


Aber zurück zu meinen Abenteuern der letzten Tage. Zunächst wieder die Learnings der Woche:

- Romantische Wanderungen können sehr unromantisch enden, wenn du im Nirgendwo – fernab von Zivilisation auf einmal nur noch 10 % Akku hast

- die Natur lehrt uns: es gilt nach vorne zu schauen und weiter zu wachsen, auch aus Negativem kann Positives keimen.

- Wenn tierischer Gegenverkehr deinen Weg kreuzt und du wieder einmal lernst, dass man manchmal nur mit Geduld ans Ziel kommt.

- Hupen vor den Kurven kann hier hilfreich sein, diese Angewohnheit sollte ich dann besser in Deutschland wieder ablegen.

- Man ist nie zu alt, um Dinge zum ersten Mal auszuprobieren – Abenteuer sind gefährlich? Routine kann tödlich sein!

- Der freie Fall bekommt im Klettern eine neue Bedeutung, wenn die Sicherung vernachlässigt wird. Gut, dass ich zwei Kletterprofis hatte, die mir Mut zusprachen – und die Backstreet Boys.

- Weniger ist manchmal mehr- wenn dir droht Alles zu verlieren, schätzt du was du hast nur umso mehr.


Ich hatte schon im letzten Blogbeitrag angekündigt, dass ich eine spannende Wanderung zu den Drachenbäumen gemacht habe und mit Manolo und Lisa klettern war.


Drachenbaum - klingt mystisch oder? Ist es auch, denn es gibt viele Mythen um den Baum. Obwohl, das ist nicht korrekt, denn der sagenumwobene Drachenbaum ist eigentlich gar kein Baum. Das natürliche Vorkommen der sagenumwobenen dragos, wie sie auf Spanisch heißen, beschränkt sich heute nur noch auf ganz wenige Stellen der Welt. Viele Geschichten ranken sich um die urtümlichen, baumähnlichen Gestalten. So sollen sie im Garten der Hesperiden auf den Inseln der Glückseligkeit entstanden sein. Dort bewachte der mehrköpfige Schlangendrache Ladon den Baum, der goldene Früchte trug. Als Herakles ihn tötete, wuchs der Legende zufolge aus jedem Blutstropfen ein Drachenbaum.


Diese Bäume wollte ich mir nun einmal genauer anschauen, denn die Wanderroute zu ihnen gilt als eine der schönsten der Insel. Es ging dieses Mal Richtung Norden, nach Garafía. Nachdem ich meine Piratenwanderung nicht beenden konnte wollte ich es doch bei dieser endlich schaffen wie geplant die Tour zu laufen. Doch wenn ich eines bei meiner Reise gelernt habe, dass natürlich alles wieder anders kommt als geplant.


Der Start verlief noch reibungslos - laut Komoot warteten 14 km auf mich. Eine wieder einmal völlig neue Landschaft zeigte sich. Obwohl Garafía gut ans Straßennetz angeschlossen ist, scheint die Zeit an vielen Stellen noch heute stillzustehen. Die Abgeschiedenheit hat diesem dünn besiedelten Gebiet vieles seiner Ursprünglichkeit bewahrt, weite Teile sind unter Schutz gestellt. Der Wanderweg war nicht immer zu erkennen, aber vorbei an den Mandelbäumen, entlang an der Küste, durch Nadelwälder fand ich doch immer wieder zurück auf die richtige Route.

Besonders in Erinnerung bleibt mir ein Waldgebiet, dass von der zerstörerischen Kraft der Natur gezeichnet war. Kein Vulkan, der wütete, sondern verehrende Waldbrände, die im August tausende Hektar Land zerstörten. Ein paar Tage nach meiner Wanderung lernte ich auch eine Familie kennen, die das hautnah miterleben mussten - dazu untenstehend mehr. Doch so schwarz die Landschaft einerseits war, so unvorstellbar war für mich, dass der Brand erst wenige Monate zurück lag, denn es kämpfte sich bereits neues Leben durch den verbrannten Kieferwald. Ich habe gelernt, dass die verbrannte Rinde den Bäumen größtenteils den nötigen Schutz bietet und sie sich innerhalb weniger Jahre regenerieren können, sofern der Boden mit den verbrannten Kiefernadeln nicht übersäuert. Unglaublich, dass ich hier nun durch ein Gebiet wanderte, dass vor kurzem das größte Feuer seit zwanzig Jahren erlebte- und die Natur lehrt uns wieder einmal: es gilt nach vorne zu schauen und weiter zu wachsen, auch aus Negativem kann Positives keimen.


Line hatte mir damals als Jakobswegerfahrene vorausgesagt, dass die Wanderungen die beste Möglichkeit bieten, um Dinge zu reflektieren. Und da hattest du Recht meine Liebe. Stundenlanges wandern durch die Natur sind Balsam für die Seele, um seine Gedanken zu sortieren. Außer man wird unterbrochen: von der Warnmeldung des Handys, dass der Akku zur Neige geht. Korrekt: im nirgendwo - und ich hatte ja bereits erwähnt, dass Wanderwege nicht gerade verständlich ausgeschildert waren. Gut, dass ich noch 6 km vor mir hatte, mit 10 % Akku. Dabei war er voll geladen, als ich los bin: und just in diesem Moment bemerkte ich, dass ich vergaß den stromsparenden Flugmodus einzuschalten und meine App Komoot als Retourkutsche, dass ich mich regelmäßig ihren Anweisungen widersetze den Saft abdrehte. Und wie im letzten Beitrag schon erwähnt: alleine wandern ist schon immer mit Vorsicht zu genießen und sollte gut überlegt sein - aber ohne Handy und fehlende Wegbeschreibung undenkbar. Und so brach ich ab und entschied 5 km entlang der asphaltierten heißen Straße zurück zu laufen. Nein, ich erwarte kein Mitleid wegen der Temperaturen. Obwohl, vielleicht ein bisschen.


Nach der Wanderung entschied ich noch ein wenig den Norden zu erkunden und fuhr Richtung Santo Domingo. Die Straßen wurden immer schmaler und ich hatte auf einmal mit Gegenverkehr anderer Art zu kämpfen: Ziegen blockierten die Straße und beschwerten sich, dass ich ihren Weg kreuzte. Ach Leben, du bist immer wieder für Überraschungen gut - ich musste über dieses tierische Abenteuer nur schmunzeln und erinnerte mich an meine Irrfahrt (Dank Bertha) in Italien, als mein Auto von Hühnern umkreist wurde. Und was hat dieses Mal geholfen? Geduld! Wahnsinn, was Geduld alles lösen kann, ich hoffe ich behalte mir diese Eigenschaft bei.

Bei den schmaleren Straßen ist es übrigens üblich vor den Kurven zu hupen, diese Angewohnheit sollte ich dann besser in Deutschland nicht übernehmen.


Zwischen hupen, Aussicht genießen und Absturz dank Gegenverkehr auf Serpentinen verhindern, entdeckte meine Neugier wieder mal eine Abzweigung, der ich nicht widerstehen konnte. Und die Neugier machte sich wieder einmal bezahlt, denn ich entdeckte eine der schönsten Aussichten, die ich bisher auf La Palma gesehen hatte: playa el callejoncito. Der Blick auf den Atlantik verzauberte und erinnerte mich an die Cliffs of Moher in Irland. Diese Steilklippen und diese meterhohen Wellen (ich schätzte sie auf 10 m, vermutlich waren es die Hälfte, wie mich meine Segelfreunde aufklärten ;-)). Lasst Euch von den Fotos des Sonnenuntergangs verzaubern. Dieser Moment war wirklich magisch.


Ein weiteres Learning der letzten Woche: Immer wieder Neues ausprobieren. Nicht aus Gewohnheit "Nein" sagen, sondern kurz nachspüren und dann entscheiden. Wann habt ihr das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Ich liebe es Neues auszuprobieren, aber so bewusst wie während meiner Reise habe ich es noch nie gemacht. Und ich fordere mich auch immer wieder neu raus, egal ob beim Essen neue Gerichte auszuprobieren, meine Eis-, oder Schokoladenchallenge (die hier nun der gesunden "Jeden Einkauf eine außergewöhnliche Frucht ausprobieren"-Challenge gewichen ist - aber keine Angst, die Kalorien kommen hier nie zu kurz), neue Etappen beim Wandern oder Aktivitäten wie das Klettern. Und Letzteres habe ich der lieben Lisa und Manolo zu verdanken.


Die Beiden sind über WWOOF bei Frank gelandet (mehr dazu siehe letzte Beiträge) und wir haben uns auf Anhieb prima verstanden, so dass wir uns zum Essen verabredeten. Lisa kommt aus Frankreich (ich habe selten eine Französin so gut Englisch sprechen hören - außer Hind natürlich, liebe Grüße an dich in diesem Zuge) und reist seit einigen Monaten. Manolo kommt aus Italien und die Wege Beider haben sich auch ursprünglich beim Reisen gekreuzt und die gemeinsame Kletterleideschaft verbunden. Ich war fasziniert als Manolo mit seinen Anfang 20 Jahren einen Schwenk aus seinem Leben erzählte. Wie er kurz vor seinem Abschluss als Fotograf mit 17 Jahren alles hinschmiss, weil er keinen Monat mehr für etwas Zeit verschwenden wollte, dass sich für ihn nicht richtig anfühlte. Entgegen der Wünsche seiner Eltern startete er eine Weltreise und die Zweifel seiner Eltern vergingen schnell, als sie erkannten wie viel er auf seinen Reisen lernte. Er arbeitete als Koch, Gärtner und erzählte er wäre auf keiner Schule dieser Welt so schnell so selbständig geworden. Auch Lisa kämpfte für ihre Reise, denn sie wollte vor allem Englisch lernen. Und so wie ich die Zwei kennenlernte stehen ihnen nach ihrer Reise sämtliche Türen offen. Denn ihr Erfahrungsschatz ist reich an gemeisterten Hürden, sehr guter Intuition und voller Leidenschaft.


Und so wollten sie mir ihre Leidenschaft etwas näherbringen und nahmen mich mit zum Klettern. Erst lehnte ich ab - aber sie blieben hartnäckig und in diesem Moment wurde mir klar, dass ich eigentlich gar nicht wusste wieso ich ablehnte. Es war das gewohnte "Kenne ich nicht, kann ich wahrscheinlich nicht, will keine Umstände machen - Danke". Und so bin ich heute sehr froh, dass wir diesen Ausflug zusammen gemacht haben. Sie haben mir nicht nur alles über verschiedene Techniken, die Sicherheit und die schönsten Spots zum Klettern nahe gebracht - sie haben mich auf eine harte Probe gestellt: Vertrauen - sich in mehreren Metern Höhe zurückfallen lassen, die Hände von der Steilwand zu lösen und die Kontrolle abzugeben, an Menschen die man erst wenige Tage kennt. Das war eine tolle Erfahrung, die Mut kostete aber mit ordentlich Adrenalin belohnt wurde. Und egal welche Nation, welche Sprache, welches Alter: Musik verbindet - und so wurde der Nachmittag noch unvergesslicher, als wir die guten alten Backstreetboys Klassiker lautstark abspielten und in Erinnerungen schwelgten und weiter die Kletterwand erklommen.

Schade, dass ihr schon wieder auf die nächste Insel gereist seid ihr Zwei und Danke für die schönen Tage!


Unvergesslich bleibt auch ein Workshop, den ich vergangene Woche besuchen durfte. Eigentlich hatte ich Lotte, eine deutsche Wanderführerin (Graja Tours) kontaktiert, um mich für eine etwas fordernde Wanderung anzumelden. Wie schon im letzten Beitrag erwähnt ist mir bewusst, dass ich gerade bei den heftigen Regenfällen der letzten Woche und allein unterwegs beim Wandern besonders Acht geben muss. Und schwere Wanderungen würde ich nie allein bestreiten. Lotte meldete sich umgehend, aber teilte leider und verständlicherweise mit, dass aufgrund der gefährlichen Bedingungen aktuell die Tunnelwanderung nicht stattfinden kann. Gut, wenn man sich manchmal rückversichert und mit Experten spricht - das kann ich beim Wandern nur empfehlen. Stattdessen meldete sich Lotte aber einige Tage später und lud mich ein über den Workshop des "Traditionellen Hirtensprungs" in meinem Blog zu berichten. Ich hatte schon davon gelesen und da ich noch nichts vorhatte und mir ja vorgenommen hatte immer wieder etwas Neues auszuprobieren sagte ich kurzerhand zu.


„Salto del Pastor“ (auf Deutsch etwa Hirtensprung) nennt sich eine traditionelle Fortbewegungstechnik auf den Kanarischen Inseln, die den besonders in den Höhenlagen der Inseln lebenden Ziegenhirten einst – selten auch noch heute – half, unwegsames Gelände wie Berghänge oder Schluchten zu überwinden.

Schon die Ureinwohner der Inseln nutzten diese Technik, die später von der Landbevölkerung übernommen wurde. Wir trafen uns am Besucherzentrum der Caldera und fuhren dann in die Berge. Die deutschen Teilnehmer des Workshops verbrachten entweder ihren Urlaub hier oder lebten auf der Insel und arbeiteten in Deutschland (was für spannende Arbeitsmodelle es doch gibt - aber keine Angst, ich habe andere Pläne :-))


Thomas, Palmero mit 63 Jahren, lebt für die Tradition - wenn er uns über den Hirtensprung berichtete, glänzten seine Augen. Und kein Besucher, der an uns vorbei ging und interessiert schaute kam ohne Informationen rund um das Thema weiter. Ja, Thomas ist Botschafter mit Herz und Seele. Wenn er keine Workshops für Touristen gibt, dann trainiert er entweder alle zwei Wochen mit seinem Club auf La Palma oder unterrichtet in Schulen, um den Sinn für die Tradition zu wahren. "Mit den Helikoptereltern von heue wird das aber zunehmend schwerer, die haben die Befürchtung, dass den Jugendlichen etwas passieren kann - dabei lernen die Kinder hier eine Technik kennen, die sie in den Bergen schützen kann", so Thomas.


Doch wie funktioniert nun dieser Hirtensprung? Der wichtigste Bestandteil zur Fortbewegung ist die lanzenförmige „Lata“, ein langer 2 bis 4 m langer stabiler Stab, an dessen Ende eine Metallspitze angebracht ist, die „Regatón“, „Puyón“ oder „Puya“ genannt wird. Durch den Einsatz des Stabes gelang es den Ureinwohnern und später den Hirten, steil abfallende Hänge, steinige Schluchten und Gräben zu überwinden.

Es braucht vor allem zwei Kenntnisse: Die Liebe und Vertrauen zu den Bergen und Gleichgewichtssinn. Denn beim Hirtensprung gilt es sein Gewicht auf die Lanze zu stützen und möglichst wenig Belastung auf die Füße zu bringen, die weniger Halt in steilen Gefällen haben als eine spitze Lanze. Ähnlich wie beim Klettern erfordert dies auch zunächst Mut und Vertrauen. Aber mit jedem Versuch mehr gelingt es etwas besser. "Ihr müsst wie auf Eiern laufen und Euch vorsichtig den Stab heruntergleiten lassen, die Ellenbogen nie durchgedrückt halten", korrigiert Thomas immer wieder.


Vor 80 Jahren drohte die Tradition übrigens fast auszusterben, denn die Regierung vertrieb die Hirten in den Bergen (Tourismus sei Dank) und so brauchten diese auch nicht mehr die besondere Fortbewegungsmethode. Es ist nur einigen Liebhabern, Menschen wie Thomas, zu verdanken, dass diese Tradition nun wiederauflebt. Aktuell werden zum Beispiel sowohl die Feuerwehr als auch der Umweltschutz mit dem Hirtensprung geschult und vertraut gemacht um schwierig zugängliches Gelände zu erreichen. Nur durch diese Technik wurde jüngst auf dem Punto de los Roques eine neue Vegetation entdeckt. "Während Kletterer dorthin einen Tag brauchen, brauche ich nur eine Stunde", berichtete er stolz über die Entdeckung des neuen Ortes. Um an besondere Orte zu kommen, nutzen diese Technik auch heute noch Fischer um sich Zugang zu Angelplätzen an den Steilküsten zu verschaffen. Übrigens können diese Fortbewegungsmethode Jung und Alt nutzen- Thomas kennt Kinder von 11 Jahren bis Senioren von über 70 Jahren, die dies erfolgreich praktizieren. Seine Geschichten über die Erfahrungen der letzten Jahre brachte uns immer wieder zum Staunen und Lachen.


Und so werden diese bedeutungsvollen Lanzen und die dazugehörige Technik nun auch europaweit bekannter - egal ob im Schwarzwald, in Frankreich, Italien oder der Schweiz: das Interesse wächst und es gibt bereits einige Läden in Europa, die Lanzen fertigen. Denn der Transport mit dem Flugzeug ist nicht möglich - aber Thomas tüftelt schon an einer Lanzen-Stecktechnik, die aber noch ausgereift werden muss.


Es war ein spannender Vormittag, den wir gemeinsam mit ein paar Tapas beendeten. Sein Fazit lautete, dass ich Talent hätte - das fühlte sich für mich zwar nicht so an, freute mich aber sehr, wo ich mich bei vier Wochen Inselleben immer heimischer fühle.


Wer nun auch Lust hat den Hirtensprung bei seinem La Palma Urlaub auszuprobieren findet alle weiteren Infos bei der lieben Lotte (https://wandern-auf-la-palma.de/) - die ich auch sicher wieder treffen werde. Ich freue mich schon auf unsere Wanderung, ob es noch diesen oder bei einem meiner nächsten Besuche auf der Insel sein wird sehen wir dann. Danke Lotte und Thomas und an die Teilnehmer, dass ich die Bilder teilen darf.


Ein weiteres Highlight der letzten Woche war der Besuch meiner Segelfreunde hier im Osten - ich zeigte ihnen sozusagen einmal meine "Hood". Auch wenn Santa Cruz an diesem Tag nicht mit Sonne glänzte, hatten wir eine tolle Zeit und einen schönen letzten Tag, bevor Felix und Dörte über Weihnachten zurück nach Deutschland flogen. Wir schlenderten durch die kitschig weihnachtlich geschmückten Gassen und steuerten die Markthalle an. Hier wollten wir endlich einmal den Zuckerrohrsaft probieren, der frisch gepresst wird. Der einstige Wirtschaftsmotor Zuckerrohr, wird noch heutzutage auf La Palma angebaut und verarbeitet. Im 16. Jahrhundert spaltete das Zuckerrohr Sklaverei und Reichtum, denn während es vielen Arbeitern harte Arbeit und Leid brachte, bescherte es einigen anderen großen Reichtum, der heute noch in Tazacorte und San Andres zu sehen ist. Das in sehr guter Qualität vorhandene Wasser aus der Caldera und den den Quellen von Marcos y Cordero sowie die Bodenbeschaffenheit verliehen dem auf der Insel angebauten Zuckerrohr seine besondere Note. Mit dem Einzug der "caña dulce" im 18. Jahrhundert in Amerika, kam die Zuckerindustrie auf den Kanarischen Inseln praktisch zum Erliegen.


Der Saft schmeckte wirklich lecker und sehr erfrischend - wer also in Santa Cruz in der Markthalle vorbeischaut um sich ein paar exotische Früchte wie zum Beispiel die Drachenfrucht mitzunehmen, sollte unbedingt einen Saft trinken.


Der galt für uns sozusagen als Aperitiva, denn wir hatten anschließend einen Tisch im nahegelegenen Restaurant Enriclai reserviert - ebenfalls ein absolutes Muss für einen Santa Cruz Besuch. Sonja hatte hier schon von geschwärmt und jeder Reiseführer empfiehlt das "kleinste Restaurant La Palmas". Und diese Beschreibung trifft es sehr gut, denn es gibt nicht mehr als ein Dutzend Plätze und man fühlt sich ein bisschen wie im heimischen Esszimmer von Carmen (der guten Seele des Restaurants). Der Koch ist Italiener, Carmen Venezolanerin, beide umsorgen die Gäste sehr herzlich. An kulinarischen Köstlichkeiten werden Fisch, Fleisch, Nudeln und vegetarische Gerichte hervorgehoben. Es gibt keine Karte, sondern tages­aktuell frische Gerichte, die die Chefin den Gästen vorschlägt. Carmen gesellte sich immer wieder zu uns an den Tisch und erklärte in Spanisch, etwas Deutsch und Englisch ihre Köstlichkeiten. Das Essen: ein Gedicht! Jeder Gang, Vor- Haut- und Nachspeise waren ein Gaumenschmaus. Es liegt sicher einerseits an der Frische und regional sorgsam ausgewählten Lebensmitteln - andererseits schmeckt man die Liebe, sieht das Leuchten der Augen, wenn die Zwei ihre Gäste empfangen und es liegt der Zauber von so viel Leidenschaft in der Luft.


Und dann gab es vergangene Woche noch eine ganz tolle Begegnung mit Carmen, Stefan und Haylee - sowie ihren Vierbeinern Happy, Honey, Heidy & Holly. Die Familie kommt auch aus der Rhein-Neckar Region und zählt ebenfalls zu den Palmeros, die kamen, um zu bleiben. Seit 2017 leben sie mitten im Grünen mit Blick aufs Meer (der am Tag meines Besuchs leider durch Nebel nicht zu sehen war). Laura, eine liebe Bekannte und Timeless Moments Kundin von mir hatte mich angeschrieben, als sie sah, dass ich auf La Palma bin und mir von ihren ehemaligen Arbeitskollegen Carmen und Stefan berichtet. So hatten wir uns connected und dank Instagram schnell zusammengefunden. Ein Treffen für ein Besuch war flink ausgemacht und so freute ich mich mehr über ihre Geschichte zu erfahren.


"Uns war immer klar, dass wir auswandern - darauf haben wir unsere Familien auch früh vorbereitet", so Stefan. Die Tage der Beiden drehten sich in Deutschland nur um die Arbeit, Carmen als gelernte Rechtsfachangestelltin und Assistentin der Geschäftsführung, Stefan als Besitzer einer Strandbar in der Gastronomie. Sie sehnten sich nach mehr Zeit füreinander und einem anderen Leben. „Und dann kam der Tag, da schrieben wir eine Liste mit möglichen Zielen. Viele schieden aus, da uns Themen wie Entfernung, Wetter und die Umwelt wichtig waren. Am Ende blieben die Kanaren stehen und als wenig touristisch besiedelte Insel haben wir uns entschieden La Palma zu besuchen. Und nach einem Besuch war schnell klar, hier schlägt unser Herz höher, hier wollen wir unser Leben verbringen," so Stefan. Ein Grundstück im Norden war schnell gefunden, sie haben sich bewusst gegen den sonnenverwöhnten Westen entschieden, da ihnen ein Gefühl von Jahreszeiten wichtig war. " Einerseits wollten wir so weit wie möglich Abstand zu gedüngten Plantagen, andererseits darf es auch mal etwas kühler werden, es darf auch mal neblig sein und es darf auch regnen - das ist für uns Menschen und vor allem den Garten hier sehr wichtig. Wobei es manchmal doch kälter ist, als wir erwartet hatten", lachte Carmen. Die Familie kaufte ein Grundstück, dass ihr Traum von der Permakultur wahr werden lassen sollte. Und heute stehen sie in ihrem 45 m² Häuschen, dass sie mit viel Liebe zum Detail und zahlreichen Arbeitsstunden selbst erschaffen haben und blicken in ihren Garten - und sehen wie ihr Traum Wirklichkeit wurde. Aber der Weg dorthin war wortwörtlich steinig und steil.


Denn das Pärchen brachte ein besonderes Geschenk mit nach La Palma - Carmen und Stefan wurden kurz vor ihrer Auswanderung Eltern der kleinen Haylee. Und so zogen sie mit Baby auf die Baustelle und hatten zwei Projekte erstmalig zu stämmen: Projekt Eltern und Projekt Haus. "Das wäre das Einzige was wir heute rückblickend anders machen würden, es war schwierig immer allem gerecht zu werden", so die Beiden. Doch wenn man die kleine Maus heute mit ihren drei Jahren so sieht, wie sie mir strahlend ihr Zuhause mit ihrem eigenen Spielplatz und Wald zeigte, können sich die Beiden sicher sein - sie haben nichts falsch gemacht. Auch wenn ich gut nachvollziehen kann, dass ein jahrelanges Leben im Wohnwagen mit Außendusche und Toilette sehr an den Kräften zehren kann - Hut ab! Nachhaltigkeit ist der Familie sehr wichtig. So verbauen sie zum Beispiel verschenkte Fenster, stellen ihr eigenes Waschmittel her, ernähren sich vegan und engagieren sich für Inselbewohner auf vier Pfoten. So fanden bereits Happy, Honey, Heidy & Holly ihr Zuhause bei der Familie - zwei Katzen und zwei Hunde, die sich Körbchen und Futter teilen. Schaut selbst auf den Fotos, was eine süße Rasselbande das ist. Besonders habe ich mich in "Den Heidy" verliebt - denn die Katze stellte sich nach der Namensgebung als Kater raus (Nein Findus, mein Herz schlägt natürlich nur für dich :-))


Es gab auch Phasen in denen Stefan und Carmen überlegten alles aufzugeben, aber ich denke das kennt jeder, der selbst baut. So hört man es zumindest immer wieder. Und so brauchte es vielleicht diesen Termin mit dem Makler, um eine Info einzuholen, wie der Verkaufsprozess des Grundstückes ablaufen würde - denn erst dann realisierten sie, was sie schon geschafft hatten und wie kurz sie vor dem Ziel, dem Gefühl von "Zuhause" waren.

Gänsehaut bekam ich als mir Stefan vom verehrenden Brand vor wenigen Monaten berichtete. Auf seinem Grundstück sieht man deutlich wo die Flammen wütenden, zum Teil nur wenige Meter von seinem Haus entfernt. Er berichtete "ich weiß noch genau, wie die Feuerwehr hier den Weg runter raste - normalerweise fahren hier ja kaum Autos, da wusste ich, etwas ist passiert." Vormittags hatte Stefan noch den Spielplatz aufgebaut für Haylee, die gerade mit Mama Carmen in Deutschland Oma besuchte. Als er das Feuer bemerkte packte er die Tiere ins Auto und machte noch ein Foto vom Spielplatz, für den Fall, dass Haylee diese Überraschung nie sehen sollte. Als die wichtigsten Sachen im Auto verladen waren stieg er allerdings nicht ein und flüchtete, er kämpfte gegen die Flammen - immer bereit jede Sekunde im Notfall mit dem Auto davon kommen zu können. Mit Wassereimern und einem Freund steckte er all seine Energie in den Kampf gegen die Flammen, die drohten all die jahrelange Arbeit der kleinen Familie zu zerstören. Ich fragte ihn, ob er nicht Angst ums Überleben hatte - seine Antwort "in diesem Moment funktionierst du nur". Das erinnerte mich auch an den Brand bei uns Zuhause vor einigen Jahren an Weihnachten, ist aber kein Vergleich zu diesen Erlebnissen. Trotzdem konnte ich jahrelang keine offenen Flammen sehen, ohne nachts wieder vom Brand zu träumen. Wie musste es also dieser Familie gehen? Die Vorstellung wie Carmen machtlos in Deutschland festsaß und wusste was ihr Mann gerade durchstehen musste - das hält man doch vor Sorge kaum aus. Und so blickte Stefan nun stolz auf sein Grundstück, vieles hat er verloren, aber das wird kaum erwähnt - er und seine Familie sehen nur was ihnen geblieben ist, ihr kleines Häuschen, ihre Tiere, einige Flächen Land und der Spielplatz - auf dem Haylee am Tag meines Besuches vor Freude quietschend rutschte. Dieser Moment rührte mich sehr. Ja weniger ist manchmal mehr, das habt ihr mir sehr deutlich gezeigt meine Lieben!


Und am schönsten war die Offenheit, mit der ihr mich empfangen habt. Wie schrieb Carmen abends so schön "Laura du hast Haylees Herz im Sturm erobert" - da machte ich meinem Namen wohl aller Ehre und kann nur sagen, das beruhte auf Gegenseitigkeit. Binnen Minuten kuschelte sich Haylee schon auf meinen Schoß und lauschte den Gesprächen. Wir genossen zusammen den Nachmittag und ihr habt mich schwer beeindruckt. Ich wünsche Euch viel Erfolg für die Suche nach einer weiteren Familie, die diesen Traum mit Euch auf dem Grundstück teilen möchte (gerne auch ein Mehrgenerationenprojekt) - und für Euer Tierprojekt. Sobald das steht lasst es mich wissen - ich bin mir sicher hier finden sich auch einige Unterstützer für einsame Pfötchen auf La Palma, die das Glück erfahren dürfen von Euch gepflegt zu werden.


Ich freue mich sehr auf unser Wiedersehen und vermisse die Maus schon! Drückt Haylee fest von ihrer großen Freundin Laura <3


Und nun reicht es wieder einmal und just in diesem Moment wird mir bewusst, wie dankbar ich bin, dass ich Euch immer noch schreiben kann - das hätte ich in Italien nicht für möglich gehalten, als ich dachte schon bald abbrechen zu müssen. Es ist so wundervoll, wie ihr alle mit mir reist, Euch mit mir freut und mich immer wieder bestärkt, dass ich alles richtig gemacht habe. Ja, das fühlt sich auch genauso an - und ich koste nun noch jeden Moment voll aus, versprochen!

Fühlt Euch fest umarmt,


Laura




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